Friedrich Naumann 1860-1919
“Daß wir selber frei zu werden suchen, soviel uns immer möglich ist.”
Friedrich Naumann. Das Ideal der Freiheit (1905)
Als Sohn und Enkel sächsischer Pfarrer besuchte Friedrich Naumann die Fürstenschule St. Afra in Meißen und studierte dann – der Familientradition entsprechend – evangelische Theologie in Leipzig und Erlangen. Ursprünglich konservativ sozialisiert, kam er als kirchlicher Sozialarbeiter und Pfarrer in Hamburg und im sächsischen Industrierevier mit sozialen Problemen in enge Berührung. Deshalb schloss er sich um 1890 der sozial-konservativen “Christlich-sozialen Bewegung” an, trennte sich aber von dieser und rief 1896 mit Gesinnungsfreunden den “Nationalsozialen Verein” ins Leben. Dieser verstand sich als eine Brücke zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft, fand aber vornehmlich in Kreisen der bürgerlich-liberal orientierten Jugend Anklang.
Aufgrund seiner politischen Erfolglosigkeit trat der “Nationalsoziale Verein” 1903 fast geschlossen zur linksliberalen “Freisinnigen Vereinigung” über. Als deren Reichstagskandidat erreichte Naumann, der vor allem durch seine Zeitschrift “Die Hilfe” inzwischen reichsweit bekannt geworden war, 1907 mit Unterstützung von Theodor Heuss in Heilbronn ein Reichstagsmandat.
Naumanns vornehmliches Ziel bestand zunächst in einer Zusammenfassung der verschiedenen liberalen Gruppierungen, um dann ein breites Reformbündnis von den Nationalliberalen bis hin zur Sozialdemokratie (“Von Bassermann bis Bebel”) zu bilden, welches die Grundlage für einen grundlegenden Umbau des politischen und sozialen Systems des Kaiserreiches bilden sollte. Mit Gründung einer linksliberalen Sammlungspartei 1910 und liberal-sozialdemokratischen Wahlabsprachen zur Reichstagswahl 1912 konnten zumindest Teile dieser Konzeption verwirklicht werden, ehe der Erste Weltkrieg ausbrach. Bereits seinen Zeitgenossen galt Naumann als wesentlicher Repräsentant eines sozial orientierten Liberalismus.
Naumann, der die wilhelminische Kolonial- und Flottenpolitik für Zugeständnisse zu inneren Reformen unterstützt hatte, propagierte nun einen engen wirtschaftlichen und militärischen Zusammenschluss der mitteleuropäischen Länder unter deutscher Führung und fand dafür breite Unterstützung in der Öffentlichkeit, jedoch nicht bei der militärischen Führung. Nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg setzte Naumann alle Hoffnungen für einen deutschen Wiederaufstieg auf demokratische Reformen, u. a. durch politische Bildungsarbeit in der von ihm zu diesem Zweck gegründeten “Staatsbürgerschule”.
Naumann gehörte Ende 1918 zu den Gründungsmitgliedern der linksliberalen und pro-republikanischen Deutschen Demokratischen Partei, die ihn zu ihrem ersten Vorsitzenden wählte. Bereits vom Tod gezeichnet, konnte er bei den Beratungen zur Weimarer Reichsverfassung insbesondere auf deren Grundrechtskatalog Einfluss nehmen. Wenige Tage nach Verabschiedung der Verfassung verstarb Naumann im August 1919.
Friedrich Naumann hat durch seine politische Ausstrahlung, seine große rhetorische Begabung und sein persönliches Charisma entscheidend zur grundlegenden Neuorganisation des Linksliberalismus vor und nach dem Ersten Weltkrieg beigetragen. Sein politisches, publizistisches und pädagogisches Werk wurde nach 1919 von seinen Schülern und Mitarbeitern (unter ihnen Theodor Heuss, M. E. Lüders, Gertrud Bäumer und Wilhelm Heile) fortgeführt. Als eine gewisse späte Bestätigung von Naumanns Wirken kann man die Wahl von Theodor Heuss zum Bundespräsidenten im Jahre 1949 ansehen. Heuss ergriff dann 1958 die Initiative zur Gründung der Friedrich-Naumann-Stiftung, mit der an Naumanns politisches Denken und sein politisch-pädagogisches Wirken für eine demokratische politische Kultur angeknüpft werden sollte.
